Maria hatte keine Chance

Maria hatte keine Chance…

Wer ist Maria?

Maria – ein nettes, hübsches Mädchen, welches die  1. Klasse in einer Grundschule in Deutschland besuchte. Maria's größter Wunsch: Sie wollte genausogut rechnen können wie ihre Klassenkameraden. Ich lernte Maria in einer von mir betreuten Grundschulklasse kennen.

Nach einer kurzen Lernstandsbestimmung stand fest: Maria hatte kein Verständnis für Mengen und Zahlen. Sie wusste nicht, was sie bei den Rechenaufgaben tun sollte, also zählte sie die einzelnen Mengen einfach ab und dann zusammen. So kam sie einigermaßen klar. Aber sie merkte schnell, dass andere Kinder viel besser rechnen konnten und bei ihr falsche Ergebnisse überwogen.

Mit diesem Problem haben viele Kinder zu kämpfen. Etwa 1/3 aller Erstklässer verfügen zu Beginn der Schulzeit noch nicht über ein ausreichend gesichertes Verständnis für Menge! Wird dieses nicht frühzeitig gefördert und gesichert, sind kommende Rechenprobleme bis hin zur begutachteten Rechenschwäche oder Dyskalkulie wahrscheinlich.

Maria gehörte zu den 7 Kindern in der Klasse, die immer weniger mitkamen und für die Mathe und die täglichen Hausaufgaben schnell zur Qual wurde.  Dieser Zustand verunsicherte sie zutiefst und änderte mit der Zeit ihren Blick auf sich selbst.  Sie fing an an sich und ihren Leistungen zu zweifeln….

 

Kleiner Exkus: Was ist ein Mengenverständnis?

Ein Verständnis für Mengen – hat das nicht automatisch jedes Kind?

Sicher ist : Es ist uns Menschen aufgrund genetisch vererbter Anlagen problemlos möglich, aus zwei gegebenen Mengen die Größere herauszufinden, ohne nach zu zählen.Ein Affe wird zu dem Teller greifen, auf dem mehr Bananen liegen, ebenso wird ein Kind die größere Menge an Bonbons der Kleineren vorziehen.Geht es dann darum, diese Mengen zueinander in Beziehung zu setzen und Unterschiede zu ermitteln, ist es wichtig, mehr über die einzelnen Anzahlen zu wissen.Erst im sinnvollen Umgang mit verschiedenen Anzahlen kann grundlegendes Mengenverständnis entstehen.

 

Maria und ihre Freundin

Maria war mit Leoni aus der gleichen Klasse dick befreundet. Im Elterngespräch zum ersten Schulhalbjahr erhielten die Eltern von Maria bezüglich der Mathematik folgende Rückmeldung: Maria sei es trotz vielfältiger Übungsangebote noch nicht gelungen, ein sicheres Mengenverständnis im Zahlenraum bis 20 aufzubauen.Plus – und Minusaufgaben rechnet sie überwiegend mit Hilfe ihrer Finger, auch der Zehnerübergang ist noch nicht verinnerlicht.

Für die Eltern von Leonie gibt es folgende Informationen: Leonie könnte mit Mengen und Zahlen bis 20 sicher umgehen, sie rechnet alle geforderten Plus – und Minusaufgaben ohne Hilfe und hat den Zehnerübergang verstanden.

Wieso hat die Eine was, was die Andere nicht hat? Wie ist das gekommen? Beide Mädchen waren im gleichen Kindergarten, die Eltern haben sich sehr ausgiebig mit ihnen beschäftigt und trotzdem….! Schauen wir genauer hin. Zuerst einmal beginnt Mengenverständnis dort, wo Kinder anfangen, konkret mit Anzahlen umzugehen, vor allem im Alltag. Auch Maria und Leonie haben vor Schuleintritt Mathematik praktiziert. Sie deckten zu Hause fleißig den Tisch, zählten dabei Messer und Gabeln ab und überlegten wie viele Teller noch fehlen. Sie spielten mit ihren Eltern Würfelspiele und verteilten an andere Kinder ihre vorher abgezählten Bonbons.

 

Am Anfang war alles gleich…

Im Kindergarten nahmen beide an einem Mathematikprogramm für Vorschulkinder teil, welches außer vielen Zählübungen weitere mathematische Anreize bot. Beide Mädchen freuten sich darauf, endlich in die Schule zu kommen! Dort wird in den ersten Unterrichtswochen auf diesen Vorerfahrungen aufgebaut.Es gibt in einer Regelschule selten Kinder, welche zu Beginn der ersten Klasse nicht auf jeden Fall bis 10 (meist sogar weit darüber hinaus) zählen können und dabei noch bestimmte Regeln einhalten: Ich zähle immer nur ein Ding. Zu jedem Ding gehört ein Zahlwort. Ich darf kein Ding zweimal zählen oder Eines auslassen.

Dennoch beginnen die meisten Lehrgänge im Rechnen mit Abzählübungen zu konkreten Anzahlen. In der Praxis ist es dabei leider immer noch üblich, den Kindern in der Zeit zwischen Sommerferien und Herbstferien, jede Woche Übungen zu einer bestimmten Zahl anzubieten. Nach der Eins die Zwei, dann die Drei, die Vier… bis zur 10. Leonie und Maria beherrschten zum Schuleintritt die Zahlwortreihe bis 10 vorwärts und auch rückwärts. Auf den Arbeitsblättern zur Zahl zählten sie immer wieder bestimmte Mengen ab, kreisten sie ein und übten, die Ziffern korrekt zu schreiben. Leonie und Maria waren dabei gleich schnell, denn Auszählen hatten sie ja schon im Kindergarten gelernt!

Übungen zum Auszählen haben eigentlich zum Ziel, den Kindern durch vielfältigen Umgang mit Anzahlen, ein grundlegendes Verständnis zu vermitteln.Dieses erarbeiten sie sich (wenn sie es noch nicht – wie Leonie – als Vorerfahrung mitbringen) herkömmlich vor allem über das Zerlegen von Anzahlen. Deshalb werden zu den Übungen zur jeweiligen Zahl meist gleich Zerlegungsübungen angeboten.In der Folge sollen Kinder wissen, dass z.B. 8 Äpfel mehr sind als 6 Äpfel.Und sie sollen wissen, welche Teilmengen aus diesen 8 Äpfeln zu bilden sind.

 

Grundlegende Übungen

Leoni brauchte die Übungen in der Schule für die Erweiterung ihrer Kenntnisse nicht. Auf die Frage: „Stell dir vor, in der Tüte sind acht Bonbons. Ich nehme mir Drei. Wie viele bleiben für dich?“ antwortet Leonie ganz schnell „Na Fünf!“„Woher weißt du das so schnell?“ „Ist doch einfach, weil fünf und drei acht ist!“ Mit diesem Grundwissen, bewältigt Leonie auch die geforderten Plus- und Minusaufgaben mit den Zahlen bis 20 spielend. Gefragt, was denn neun minus acht wäre, sagte sie promt: „Eins!“ „Wieso kann das nur Eins sein?“ „Weil acht eins weniger ist als neun!“

Maria tut sich bei diesen Fragen sichtbar schwer. Mühselig zählt sie immer wieder von vorne aus. „Acht sind es (sie zählt vom ersten Finger der einen Hand bis sie bei dem dritten Finger der zweiten Hand ankommt), eins zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht!Drei weg! Eins, zwei, drei“. Nun schaut sie sich die restlichen Finger an und sagt schnell „Fünf“.„Neun minus acht?“ Wieder beginnt sie neun Finger hoch zu zählen und zählt dann, indem sie die Finger einzeln umklappt laut von eins bis acht.„Eins!“ „Richtig, Maria! Warum kann das nur Eins sein?“ „Weil!“ „Was haben denn die beiden Zahlen miteinander zu tun? “Maria zuckt mit den Schultern und schaut mich fragend an.

 

Der Unterschied

Beide Ergebnisse sind richtig. Aber der Unterschied im Umgang mit den Zahlen und den geforderten Aufgaben war deutlich!

Maria ging regelmäßig in den Förderunterricht, denn sie verrechnete sich meist um plus oder minus Eins. Auch brauchte sie zum Ausrechnen ziemlich lange. Sie musste viel üben, weil alle dachten, dass sie dann im Rechnen besser wird. Also musste Maria in jeder freien Zeit neben den Hausaufgaben zusätzliche Rechenübungen absolvieren, mit denen sie weiterhin ihre Zählstrategien verfestigte. Eltern und Kind waren gestresst und demotiviert, weil der große Erfolg ausblieb.

 

Die Erklärung

Was keiner der Erwachsenen bemerkt hat: Leonie verstand Mengen als teilbar und kannte die Beziehungen der Zahl untereinander. Sie konnte unterscheiden zwischen “dem dritten Baum” und “drei Bäumen.” Dieses Zahlverständnis nennt man in der Theorie kardinales Verständnis. Die Bezeichnung einer Zahl kennzeichnet demnach die Gesamtheit der Menge.

Maria dagegen kannte und verstand Zahlen nur in der Reihe. Sie hat die Zahlenfolge auswendig gelernt und weiß welche Zahl „später“ kommt bzw. welche Zahl „weiter hinten oder weiter vorne ist“. Beziehungen zwischen den Zahlen konnte sie nicht herstellen. Für sie bedeutete “Drei”, immer die dritte Position, also z.B. der dritte Baum! Man nennt dieses Zahlverständnis „ordinales Verständnis“. Ohne es an bestimmten Übungen festmachen zu wollen, hatte Leonie dieses Grundverständnis für Zahlen schon im Kindergarten ausgebildet, Maria jedoch nicht.

Leonie schadeten die vielen Abzählübungen im Kindergarten und in der Schule nicht wirklich, für Maria waren sie kontraproduktiv. Das Lösen der Aufgaben über Zählstrategien, das Arbeiten an Handlungsmaterialien wie Plättchen oder Perlenkette und auch das Anbieten entsprechender Ordnungssysteme (erst Zehnerfeld, später Zwanzigerfeld) haben ihr Verständnis für Zahlen nicht weiterentwickelt, sondern ihr ordinales Denken (resp, das Denken in Reihen) weiter verfestigt. Bisher konnte sie damit alle Anforderungen bis 20 noch irgendwie bewältigen. Der Arbeitsaufwand dafür ist allerdings sehr hoch und ihre Motivation und auch ihr Selbstbewusstsein leiden unter dem täglichen Leistungsdruck.

Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen wie das mit Maria weitergeht, wenn der Zahlenraum bis 100 erweitert wird! Tatsache ist: Das Mädchen Maria kann am wenigsten für ihre Situation! Die beteiligten Erwachsenen hatten es im dargestellten Fall lnicht geschafft, dass Maria ein sicheres (kardinales) Zahlverständnis ausbildet. Schauen Sie sich Übungsbücher von Erstklässer einmal an und überlegen Sie selbst, inwieweit es Maria möglich gewesen wäre, ein anderes – als an der Reihe orientiertes – Verständnis für Zahlen zu erarbeiten!

 

Nicht das Kind ist das Problem!

Ich habe schon viele Kinder kennen gelernt, die wie Maria massive Rechenprobleme entwickelten und so beim Rechnen nicht mehr weiterkamen. Im Fallbeispiel habe ich die Stolperfallen im herkömmlichen Unterricht benannt: Lehrwerk, Abzählübungen, fehlende Frühdiagnostik, Zeitproblematik…

Nein – nicht das Kind ist das Problem. Werden Kinder wie Maria frühzeitig richtig trainiert, erhalten Sie Übungen die sie weiterbringen und achtet jemand darauf, dass die Zählstratgeien sich nicht verfestigen, dann haben diese Kinder eine reele Chance genauso gut rechnen zu lernen wie die anderen Kinder.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Kennen Sie Kinder mit ähnlichen Lernentwicklungen?

Hinterlassen Sie einen Kommentar. Ich freue mich auf den Kontakt.

Ihre Christine Strauß-Ehret

  • Avatar D. Utz sagt:

    Liebe Frau Strauß-Ehret, ich bin auf Ihren Blog gestoßen und überglücklich darüber! Ich unterrichte zum ersten Mal eine 1.Klasse in Mathe – fachfremd. Ich habe große Sorge, dass ich den Kindern nicht gerecht werde, besuche Fortbildungen und versuche mich gut vorzubereiten (sonst wäre ich nicht hier gelandet.) Das Schuljahresende rückt sehr nah und ich habe ein Kind, welches nahezu identisch hier beschrieben ist. Was kann ich den Eltern denn raten? Wohin kann ich sie verweisen? Ich kann und will dieses Mädchen nicht aufgeben oder links liegen lassen, selbst helfen geht aber fast nicht mehr, da all die anderen Kinder Gott sei dank gut mitgekommen sind. Ich bin um jeden Tipp dankbar! Viele Grüße

    • Christine Strauss-Ehret Christine Strauss-Ehret sagt:

      Hallo Dominique, danke für Ihren netten Kommentar! Ich finde es super, dass Sie sich informieren und nach Hilfen für Ihre Kinder suchen. Das zeichnet Sie als engagierte Kollegin aus. Schon in den ersten Wochen der 1.Klasse kann man mit zwei einfachen Fragen feststellen, ob ein Kind gefährdet ist eine Rechenproblematik zu entwickeln, oder nicht. Dazu gibt es einen kostenfreien Videeokurs auf meiner Webseite. Den Eltern des betroffenen Kindes können Sie gerne meine Kontaktdaten geben, ich berate kostenfrei. Um den Stress einwenig rauszunehmen: Zum Ende des ersten Schuljahres können die Rückstände mit meinem Konzept noch gut und schnell aufgeholt werden. Das ist Ende der 2. Klasse für alle Beteiligten viel schwieriger. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern nicht zu lange abwarten. Ich halte am 18.06. ein kostenfreies Online-Training, speziell für Eltern; gerne können Sie da auch teilnehmen. Freue mich auf einen weiteren Kontakt mit Ihnen! Haben Sie eine gute Zeit…

  • >