Ich gebe es zu.
Ich bin keine Verfechterin von Schnellrechentests.
Und dies hier ist eindeutig ein Plädoyer an alle Lehrkräfte, sie zu unterlassen, oder ihre Durchführung zu verändern.
Wenn du also als Lehrkraft der einfachen Meinung bist, dass ALLE Kinder SCHNELL rechnen können MÜSSEN, dann lies erst gar nicht weiter.

Wenn dich allerdings interessiert, warum du als Lehrkraft andere Möglichkeiten zur Bestimmung des Lernstand der Kinder einsetzen solltest und vor allem welche, dann bringt dir dieser Artikel möglicherweise neue Erkenntnisse.

Für Lehrkräfte scheinbar optimal…

Unter Schnellrechentests verstehe ich schriftliche oder mündliche Tests mit einer bestimmten Menge an Rechenaufgaben, die in einer vorgegebenen Zeit zu lösen sind.
Aus Sicht der durchführenden Lehrkraft ein nützliches Instrument um:

  • zu wissen, wie sicher die Kinder beim Rechnen sind
  • zu belegen, welche Kinder welche Aufgaben/Malreihen noch einmal üben/wiederholen sollten
  • als Grundlage von Zeugnistexten
  • Noten erheben zu können
  • den Eltern Rückmeldungen geben zu können
  • die Rechengeschwindigkeit zu trainieren

Übrigens fallen in diese Kategorie alle Rechentests schlechthin, denn sie alle haben ein bestimmte Zeitvorgabe für die Schüler z.B. eine Schulstunde.

Doch halten diese Tests was sie scheinbar versprechen?

Und: Was macht sie gesundheitsgefährdend?
Wir schauen uns die Durchführung mal aus der Kinderbrille an.

3 mal 7, 5 mal 9 im 5-Sekunden-Takt


Zweite Klasse. Thema: Malrechnen… .
Die Lehrkraft fordert hohe Aufmerksamkeit.
Alle Kinder scheinen bereit.
Die Bleistifte sind gespitzt, das noch weiße Blatt mit dem Namen beschriftet.
“Rechne so schnell du kannst.
Schreibe die Ergebnisse auf.
Es geht los!”
3 mal 5
6 mal 2
4 mal 7
9 mal 8
Im 5-Sekunden-Takt fliegen den Kindern die Malaufgaben um die Ohren. Diese schauen entweder angespannt, verwirrt, aufgeregt oder auch hoch motiviert, abwechselnd von der Lehrerin zu ihrem Blatt Papier.

Oh ja.
Es gibt durchaus Kinder die diese Tests lieben. Weil sie damit beweisen können, was alles in ihnen steckt! Sie sind gut in Mathe und das wissen sie auch…
Diese Kinder sind selbstbewusst, können schnell rechnen, verstehen Mathe grundlegend und haben keine Angst Ihr Können unter Druck zu beweisen.
Was ihnen wohl in diesem Augenblick durch den Kopf geht?


Sätze wie: “Das ist einfach”, “Das kann ich locker schaffen”, “Super, ich bin wirklich schnell im Rechnen”, “Die Ergebnisse kann ich sowieso auswendig”, “Jetzt kann ich beweisen, wie toll ich rechnen kann!”

Wie geht es Marko?

Reden wir von den Anderen.
Von Kindern wie z.B. Marko.
Er sitzt verängstigt und gestresst auf seinem Platz.
Sein Herz klopft schnell und er hat schwitzige Hände.
Die ersten zwei Ergebnisse bekommt er noch hin.
Bei der dritten Aufgabe macht sein Kopf dicht.
Er kann nicht mehr denken, ist mit der Geschwindigkeit überfordert.
Keine Chance.
Bei den nächsten zwei Ergebnissen schreibt er irgendwelche Zahlen hin.
Er weiß, dass sie falsch sind.

Verzweifelt schaut er zuerst zur Lehrerin, dann zu seinem besten Freund Leo.
Tränen schießen ihm in die Augen.
Er leidet stumm…

Was er denkt?
“Ich kann das nicht!”, “Ich bin dumm!”, “Mathe ist blöd!” “Mama wird enttäuscht von mir sein!” “Hoffentlich schimpft meine Mama nicht mit mir…!”
“Was mache ich jetzt nur?”
“Die anderen Kinder werden mich auslachen…”,
“Die anderen sind viel besser als ich!”

Für Marko ist der Schulmorgen gelaufen.
Die Situation vergisst er so schnell nicht.
Aber Zuhause wird er erstmal nichts davon erzählen.

3 gute Gründe, warum du als Lehrkraft keine Schnellrechentests mit allen Kindern durchführen solltest:

1. Rechnen auf Geschwindigkeit macht Kinder physisch krank

Marco spürt den inneren Druck, auf Abruf Leistungen zu zeigen.
Er will nicht versagen.
Er hat Angst.
Sein Atem wird unregelmäßig.
Die Angst löst in seinem Körper Stress aus.
Adrenalin wird ausgeschüttet und eine Kaskade von Reaktionen wird in Gang gesetzt.
Der Zweck: Marco soll so der Situation schnell entfliehen können und sein Überleben sichern.

Fliehen kann er aber nicht.
Zumindest nicht körperlich.
Das würde die Lehrkraft sicher nicht gut finden.
Er muss auf seinem Platz sitzen bleiben.
Die ausgeschütteten Hormone können durch die Regungslosigkeit nicht abgebaut werden.
Die Zellen befinden sich in “Schockstarre”.
Sein Kopf macht dicht, klares Denken ist unmöglich.

Renomierte Studien belegen schon lange, dass Stress generell der Krankheitsauslöser Nr.1. ist. Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall usw. werden direkt mit negativem Stress in Verbindung gebracht.

Und Nein.

Stress haben nicht nur wir Erwachsene, inzwischen sind auch schon viele Kinder dauerhaft davon betroffen! Marco ist kein Einzelfall… .

Laut einer Studie der TK-Krankenkasse gaben 72% aller befragten Kinder Stressreaktionen wie Kopf-und Bauchschmerzen, Ängste, aggressives Verhalten und Erschöpfung an.
Ganze 36% davon hatten keine Erklärung über die Ursachen ihres Stress und 25% der Kinder gingen davon aus, keine Möglichkeiten zu haben, um ihren Stress mildern zu können.

Und auch laut Forsa-Umfrage geben 42% aller Eltern an, dass ihre Grundschulkinder Stresssymptome aufweisen, 12% davon erhalten Medikamente dagegen, wobei diese Tendenz steigt.

Sollte uns Lehrkräfte diese Zahlen nicht alarmieren?
Bedarf es da nicht ein Umdenken, was die schulischen Stressauslöser angeht?

Es ist klar.
Jeden Stress können wir den Kindern nicht ersparen, schon gar nicht den häuslichen.

Kinder sollten demnach in der Schule frühzeitig lernen, wie sie sich selbst gesund erhalten können.
Dafür gibt es bereits tolle Konzepte wie z.B. Du!it.

Doch sollte es nicht auch die Aufgabe von uns Lehrkräften sein, Stressauslöser zu vermeiden?
Ich finde unbedingt!

2. Rechnen auf Geschwindigkeit macht Kinder psychisch krank

Marcos Versagenserlebnisse z.B.bei den Schnelltests wirken traumatisierend und können sein weiteres Leben massiv beeinflussen.

Seine Zellen speichern die gemachten Erfahrungen: Alle Demütigungen, alle negativen Sätze der Lehrkraft, jedes Gefühl der Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit.
Werden diese Erfahrungen nicht besprochen und Möglichkeiten erarbeitet, mit ihnen umzugehen, wird Marco in allen kommenden ähnlichen Situationen, ähnlich reagieren.

Zudem wird durch die permanenten, negativen Gedanken über das Fach Mathematik und seine Leistungen darin, die Bildung eines negativen Selbstbildes unterstützt und blockierende Glaubenssätze ausgebildet.

Hat dir ein Kind nicht auch schon in Lernsituationen “Ich bin dumm!” anvertraut?
Von den Kindern mit Problemen in Mathe habe ich das schon so oder ähnlich sehr oft gehört.

Und auch von Erwachsenen: “Das kann ich nicht!”, “Ich war auch nicht gut in Mathe!” “Ich bin nicht gut genug…”, “Ich werde das nie schaffen!”

Sagst du das auch manchmal?

Mit diesen Glaubenssätzen verhinderst du selbst dein weiteres Wachstum. Denn um neue Dinge zu wagen und den täglichen Herausforderungen positiv gegenüber zu stehen, brauchst auch du das Wissen um und die Erfahrungen bezüglich deiner Selbstwirksamkeit.

“Ich kann alles schaffen, was ich will!”
Klingt dieser Satz nicht tausendmal besser als “Ich werde das nie schaffen?”

Weltveränderer wie Mutter Theresa, Henry Ford, Albert Einstein, Abraham Lincoln, Steve Jos etc. hatten alle ein sehr gutes Gefühl für die eigenen Möglichkeiten. Nichts konnte sie aufhalten ihre Mission zu leben und in die Welt zu tragen.

Ein Schnellrechentest mag dahingehend vielleicht kaum ins Gewicht fallen. Doch es summiert sich.

Siehst du es auch als deine Aufgabe das Selbstvertrauen der Kinder in deiner Klasse zu stärken?

Dann halte ich einen Schnellrechentest für absolut kontraproduktiv!

3. Schnelltests zeigen nicht zuverlässig auf, wie gut das Kind rechnen kann

Für dich als Lehrkraft scheint die Sache klar: Marko kann die Malaufgaben noch nicht schnell genug auswendig. Er sollte sie demnach fleißig weiter üben. Doch stimmt das wirklich?
Gehen wir den Testergebnissen auf den Grund.

Marko braucht für die Ergebnisse noch ein wenig länger Zeit, denn er rechnet die Malaufgabe aus, statt sie bereits komplett auswendig zu können.

Die Aufgabe 9 mal 8 z.B. rechnet er über die Hilfsaufgabe 10 mal 8 minus 8. Dafür braucht er nicht 5, sondern etwa 10 Sekunden Zeit.
Seine Überlegungen im Detail:
“9 mal 8 kann ich über 10 mal 8 rechnen. 10 mal 8 ist 80. 80 minus 8 ist ….72!”

Was kann Marko alles?
Marco hat die Aufgabe verstanden.
Er kann die Hilfsaufgabe dazu finden.
Er kann die Hilfsaufgabe ausrechnen.
Er weiß, dass er vom Ergebnis noch 8 weg nehmen muss.
Er kann diese Minusaufgabe ausrechnen.
Er kommt auf das richtige Ergebnis.

Das Ausrechnen der Aufgaben wird beim Malrechnen in der Schule meist vernachlässigt. Der Fokus liegt auf dem Auswendiglernen.
Viele Kinder wissen aber eigentlich gar nicht, was sie da tun. Sie haben die Verbindung der Aufgaben untereinander nicht verstanden. Und vor allem: Wenn das Ergebnis falsch ist, können sie die Aufgabe nicht nachrechnen.

Das Auswendiglernen kommt für mich deshalb NACH der Rechenkompetenz.
Diese sollte immer an erster Stelle stehen!
Oder lernst du gerne “chinesische Gedichte” auswendig?

Kann Marco die Malaufgaben also nicht gut?
DOCH!
Besser als manch anderes Kind, was die Aufgaben im Moment lediglich auswendig aufsagen kann.

Und auch bei Tests zur Addition und Subtraktion gilt: Verständnis für die Rechenoperationen und Rechensicherheit kommt VOR der Rechengeschwindigkeit.

Was wäre wenn…?

Was wäre, wenn du als Lehrkraft die Schnelltests weglassen würdest, oder wenn du diese nur mit den Kindern durchführst, die das wirklich möchten?

  • Kinder, die langsam rechnen, wären nicht gestresst
  • Kinder, die sicher und schnell rechnen, könnten sich dennoch beweisen
  • Du müsstest keine 25 Zettel mit Ergebnissen kontrollieren
  • Du hättest einen elementaren Stressauslöser eliminiert

Dennoch könntest du feststellen, wo die einzelnen Kinder im Rechnen stehen:

  • Schau dir an, wie konzentriert sie bei der Sache sind
  • Frage sie einzeln nach ihren Rechenstrategien
  • Nimm wahr, warum sie langsam rechnen (Sind sie unsicher, wollen sie keine falschen Ergebnisse sagen?, sind die Rechenstrategien vielleicht zu umständlich?)
  • welche Hilfsmittel benötigen sie?
  • Haben Sie das Thema verstanden?

Rechentests und auch Schnellrechentests sind eine Momentaufnahme. Sie sagen wenig über das tatsächlichen Können der Kinder aus.

Ein Kind, welches einen Zehnerübergang (ineffektiv) abzählend rechnet, kann z.B. schneller zum Ergebnis kommen, als ein Kind, was die Aufgabe in Schritten ausrechnet.

Wie schnell sollte ein Kind rechnen können?

Keine Ahnung.
Für mich die falsche Frage.
Wichtig ist, wie sicher ein Kind rechnen kann.
Sicherheit kommt von grundlegendem Verständnis, von korrektem Anwenden und von sinnvollen Wiederholungen.

Und dadurch KANN ein Kind auch schneller werden.
Es kann aber auch langsam bleiben.
Das ist gar nicht schlimm… .

Rechengeschwindigkeit entwickelt sich, oder auch nicht.
Du kannst sie bei einigen Kindern nur wenig beeinflussen.

Ich persönlich habe nie Schnellrechentests durchgeführt.
Und bei meiner Recherche zu diesem Artikel habe ich in keinem Mathe-Lehrplan konkrete Angaben dazu gefunden, wie schnell ein Kind rechnen können muss.

Lassen wir zum Schluss Marko noch einmal zu Wort kommen.
Was würde er sich wünschen?

Eine Lehrkraft, die sieht und auch anerkennt, was er schon kann.
Die ihn dabei unterstützt, das Rechnen zu verstehen und sicher darin zu werden.

Auf keinen Fall jedoch einen Schnellrechentest.

Wie siehst du das?
Hast du andere Erfahrungen?

Deine Christine

  • Avatar Sandra sagt:

    Ganz phantastischer Post! Vielen Dank :-*

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